"Für wen halten mich die Leute?" - Jesus in nichtchristlichen Quellen

Jesus als Guter Hirte, frühchristliche Deckenmalerei in der Calixtus-Katakombe in Rom, um 250. Jesus als Guter Hirte, frühchristliche Deckenmalerei in der Calixtus-Katakombe in Rom, um 250. Unsere Kenntnisse des Lebens und Wirkens Jesu Christi verdanken sich fast ausschliesslich frühchristlichen Quellen. Wie aber ist in nichtchristlichen Texten von Jesus von Nazaret die Rede? Eine Aussenperspektive.

von Beat Huwyler

Vier Evangelien wurden in das Neue Testament aufgenommen; eine Reihe anderer frühchristlicher Texte, die Jesustraditionen überliefern, etwa das berühmte Thomasevangelium, wurden zwar in manchen Kreisen hoch geschätzt, jedoch von der Kirche als den biblischen Büchern nicht gleichrangig beurteilt. Alle diese Quellen prägten die Vorstellungen von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, die in den theologischen Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte nach christlicher Zeitrechnung entwickelt und von Synoden und Konzilien fixiert wurden.
 
Doch nicht nur christliche Zeugnisse sprechen von Jesus von Nazaret. Von ganz anderen Voraussetzungen her setzt sich auch die jüdische Tradition mit dem Juden Jesus auseinander und der Islam beruft sich auf Jesus als Propheten und Gesandten Gottes.

„Ein weiser Mann“

Neben diesen Texten, die in christlichen, jüdischen und islamischen Kreisen entstanden und ausdrücklich von religiösen Interessen geprägt sind, gibt es kaum Quellen, die Informationen über das Leben und Wirken Jesu von Nazaret enthalten. Das ist nicht weiter erstaunlich: Aus der Perspektive der damaligen Weltmacht Rom lag Israel an der Peripherie, und die Hinrichtung eines Aufrührers war kaum der Erwähnung wert. Die wenigen erhaltenen Hinweise in nichtchristlichen Werken verdanken sich denn auch weniger einem eigentlichen Interesse an der Person Jesus als dem Umstand, dass man die Herkunft jener Bewegung erklären musste, die sich auf ihn berief. Die Existenz von Christen veranlasst die Geschichtsschreiber dazu, Informationen über Christus zusammenzutragen.
 
Die älteste erhaltene Notiz stammt vom jüdischen Historiker Josephus und entstand gegen Ende des ersten Jahrhunderts. In seinem mehrbändigen Werk zur Geschichte des Judentums kommt er auch auf Jesus zu sprechen. Er bezeichnet ihn als einen weisen Menschen, Wundertäter und Lehrer, der auf Betreiben der jüdischen Aristokratie von Pilatus zum Kreuzestod verurteilt wurde. Die Textpassage wurde allerdings, so die Erkenntnis der Forschung, von einem Christen erweitert (kursive Stellen): Der Jude Josephus hat kaum in Jesus mehr als einen Menschen gesehen, und dass in ihm die Worte der Propheten erfüllt seien, ist sicher eine christliche Interpretation. Josephus selbst hat sich nicht dem Christentum zugewandt; das Bekenntnis „er war Christus“ hat deshalb wahrscheinlich im Originaltext gelautet „er wurde Christus genannt“, wie Josephus das auch an anderer Stelle schreibt.

„Hingerichtet unter Pontius Pilatus“

In seinen „Annalen“ kommt der römische Geschichtsschreiber Tacitus auf den Brand Roms im Jahr 64 zu sprechen. Es sei das Gerücht gegangen, Kaiser Nero habe selbst den Befehl gegeben, die Stadt in Brand zu setzen. Um sich von diesem Verdacht reinzuwaschen, habe Nero die Christen der Brandstiftung bezichtigt und sie grausam bestrafen lassen. In diesem Zusammenhang erwähnt Tacitus Christus (in einigen Handschriften Chrestus), auf den der „verderbliche Aberglaube“ der Christen zurückgehe und der unter Pontius Pilatus hingerichtet worden sei. Seine Informationen hat der sonst präzise arbeitende Historiker allerdings nicht aus offiziellen Akten. Denn Pontius Pilatus war, wie zweifelsfrei belegt ist, nicht Prokurator, wie er schreibt, sondern Präfekt von Judäa.

Vertrieben wegen Chrestos

Im ersten Viertel des zweiten Jahrhunderts verfasste der Historiker Sueton die Biografien der römischen Kaiser von Cäsar bis Domitian. Im Zusammenhang mit der Ausweisung der Juden aus Rom unter Kaiser Claudius, vermutlich im Jahr 49, erwähnt er auch Christus. Offenbar kam es unter der jüdischen Bevölkerung Roms zu Streitigkeiten, die durch den Glauben an Christus ...



Josephus Flavius (37/38–nach 100), jüdischer Offizier und Geschichtsschreiber:


„Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündigt hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.“
Antiquitates 18,63f. (geschrieben um 94)

Publius Cornelius Tacitus (55/56–120), römischer Senator und Geschichtsschreiber:


„Also schob Nero, um diesem Gerede ein Ende zu machen, die Schuld auf andere und bestrafte sie mit den ausgesuchtesten Martern. Es waren jene Leute, die das Volk wegen ihrer angeblichen Schandtaten hasste und mit dem Namen ‚Christen’ belegte. Dieser Name stammt von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Dieser verderbliche Aberglaube war für den Augenblick unterdrückt worden, trat aber später wieder hervor und verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo er aufgekommen war, sondern auch in Rom, wo alle Gräuel und Abscheulichkeiten der ganzen Welt zusammenströmen und geübt werden.“
Annales 15,44,3 (geschrieben um 117)

 

Gaius Suetonius Tranquillus (70–130), römischer Beamter und Kaiserbiograph:


„Die Juden, die, von Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er aus Rom.“
Claudius 25,4 (geschrieben 117–122)